Der normale Schlaf und seine Variationen

Einleitung

Etwa ein Drittel unseres Lebens verbringen wir im Schlaf - nur selten denken wir über diese erstaunliche Tatsache nach. Schlafen ist für die meisten von uns ein selbstverständlicher Vorgang; auch vereinzelte Störungen des Schlafes, wie sie bei jedem Menschen hin und wieder auftreten, lassen den Schlaf noch nicht zum "Thema" werden. Ganz anders ist das bei den Patienten, die an chronischen Störungen des Schlafes leiden. Epidemiologische Untersuchungen lassen darauf schließen, daß durchschnittlich etwa 15 % aller Erwachsenen in Deutschland an einer behandlungsbedürftigen Schlafstörung leiden.Kenntnisse über den normalen Schlaf, seine typische Phänomenologie, die Methoden seiner Erfassung und vor allem seine enorme Variabilität sind Voraussetzungen für das Verständnis pathologischer Abweichungen und damit grundlegend für die Beratung von Patienten mit Schlafstörungen, aber auch von schlafgesunden Personen, die sich unnötigerweise Sorgen um ihren Schlaf machen.

Methoden der Schlafforschung und Schlafdiagnostik

Mediziner und Neurophysiologen haben sich lange Zeit kaum für den Schlaf interessiert. Der Schlaf galt als ein Zustand reduzierter Aktivität des gesamten Organismus. Daß es sich auch um einen qualitativ andersartigen Funktionszustand des Gehirns handelt, wurde erst durch die Entdeckung der Hirnstrommessung (Elektroencephalogramms, EEG) durch Hans Berger (Jena) in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts deutlich. Das Gehirn ist im Schlafzustand durch typische Formen elektrischer Aktivität gekennzeichnet, die sich deutlich von der EEG-Aktivität im Wachzustand unterscheiden. Das EEG ist der zentrale Parameter jeder Schlafableitung. Zur Klassifikation unterschiedlicher Stadien innerhalb des Schlafes sind neben dem EEG das Elektrookulogramm (EOG), das die Bewegungen der Augen wiedergibt, sowie eine Messung der Muskelanspannung (Oberflächen-Elektromyogramm, EMG) an der Kinnmuskulatur, notwendig.In den Anfängen der Schlafforschung wurden mehrere Schlafstadien entlang einer Dimension der Schlaftiefe definiert. Aserinsky und Kleitman (1953) entdeckten mit dem REM-Schlaf ein weiteres Schlafstadium, das einen vom NonREM-Schlaf und Wachzustand gleichermaßen abgrenzbaren dritten Funktionszustand des Gehirns darstellt. Heute werden fünf (vier) Schlafstadien unterschieden, deren Definitionen auf typischen Mustern in EEG, EOG und EMG beruhen. Abb. 1 zeigt die Definitionen dieser Schlafstadien sowie des Wachzustandes. Die Schlafstadien 1 - 4 werden häufig als "Non-REM-Schlaf" zusammengefaßt und dem REM-Schlaf gegenübergestellt. Im entspannten Wachzustand ist das EEG durch Alpha-Aktivität gekennzeichnet; die Muskulatur zeigt ein gewisses Maß an Anspannung, und es kommt zu schnellen Augenbewegungen. Im Schlafstadium 1, einem in der Regel nur wenige Minuten zu Beginn des Schlafes währenden Zustand, tritt die Alpha-Aktivität zurück, das EEG wird flach, es dominieren jetzt langsamere Frequenzen aus dem Theta-Frequenzbereich. Charakteristisch für das EEG im Schlafstadium 2 sind zwei typische Graphoelemente, nämlich die "K-Komplexe" sowie sogenannte "Schlafspindeln" im Beta-Frequenzbereich (12-14 Hz). Die Schlafstadien NREM 3 und 4 werden nach neueren Leitlinien als Tiefschlaf (Slow Wave Sleep, SWS) zusammengefaßt; sie sind charakterisiert durch ein EEG mit langsamen Wellen hoher Amplitude. Im Stadium 3 machen diese Wellen zwischen 20 und 50 %, im Stadium 4 über 50 % der EEG-Aktivität aus. Augenbewegungen fehlen, der Muskeltonus ist niedrig. Im REM- Schlaf ähnelt das EEG dem Stadium 1, jedoch fehlt der Muskeltonus völlig, und ein besonderes Charakteristikum sind die schnellen Augenbewegungen, die als "rapid eye movements" dem Stadium seinen Namen gegeben haben.

Neben den drei Parametern EEG, EOG und EMG, die für die Klassifikation der Schlafstadien obligatorisch sind, können in polysomnographischen Ableitungen je nach Fragestellung verschiedene weitere Meßgrößen erfaßt werden. Fast immer wird ein Elektrokardiogramm (EKG) abgeleitet. Die Muskelaktivität (EMG) kann zusätzlich zur Kinnmuskulatur auch an anderen Positionen gemessen werden; in der schlafdiagnostischen Routine geschieht dies im Bereich der Tibialmuskulatur beider Beine (zur Erfassung periodischer Beinbewegungen). Die Atmung wird durch Atemfühler an Mund und/oder Nase sowie durch dehnungssensible Gurte um Brust und/oder Bauch erfaßt, der Sauerstoffgehalt des Blutes durch ein Pulsoximeter gemessen. Auch eine kontinuierliche Blutdruckregistrierung ist bei speziellen Fragestellungen notwendig. Zur Aufzeichung der entsprechenden Geräusche wird ein Schnarchmikrophon herangezogen; es spielt bei der Diagnostik nächtlicher Atemregulationsstörungen eine besondere Rolle. Ferner kann das EEG (neben den routinemäßig erfaßten Positionen C3 und C4) an weiteren Positionen abgeleitet werden; im Maximalfall wird (etwa im Rahmen der Diagnostik nächtlicher Anfallsleiden) eine vollständige EEG-Registrierung nach dem internationalen "Ten-Twenty-System" durchgeführt. Durch einen Penisplethysmographen (Spannungsmessung) können zusätzlich die mehr oder weniger stark an den REM-Schlaf gekoppelten nächtlichen Spontanerektionen registriert werden. Außer den nächtlichen Ableitungen erfolgt bei Patienten mit übermäßiger Schläfrigkeit auch eine Aufzeichnung des Schlafes am Tage in der beschriebenen Weise aufgezeichnet werden. Standardverfahren für die Diagnostik einer erhöhten Einschlafbereitschaft am Tage ist der Multiple Schlaflatenz-Test (MSLT): den Probanden wird in regelmäßigen Zeitabständen am Tage Gelegenheit zum Schlafen im Schlaflabor gegeben, und es wird die mittlere Einschlaflatenz bestimmt.Daneben wird bei Patienten mit zwanghaftem Einschlafen der MWT (Multiple Wachtest) eingesetzt, bei dem der Patient in reizarmer Umgebung versucht, sich wach zu halten. Darüber hinaus werden in der Schlafdiagnostik verschiedene weitere laborchemische Methoden und psychodiagnostische Instrumente angewendet (z.B. Bestimmung von Orexin im Liquor, Schlaftagebücher, sogenannte "Morgen"- und "Abendfragebögen", schlafspezifische Anamnesefragebögen etc.). Der Wachheitsgrad und Konzentrationsfähigkeit am Tage wird neben dem MWT und MSLT über den Pupillographischen Schläfrigkeitstest (Messung der Schwankungen der Pupillengröße) sowie verschiedene, meist Computergestützte Vigilanz- und Aufmerksamkeitstest gemessen.

Der Schlafverlauf in einer "normalen" Nacht

Der Schlafverlauf ist, nach einer anfänglichen, in der Länge variablen Wachphase (Einschlaflatenz), durch eine regelmäßige Abfolge der beschriebenen Schlafstadien gekennzeichnet (Abb.2); es alternieren NonREM-Schlaf-Episoden mit REM-Phasen. Eine einzelne Sequenz von NonREM- und anschließendem REM-Schlaf wird als Schlafzyklus bezeichnet, dessen Länge zwischen 80 und 110 Minuten beträgt; in einer normalen Nacht treten vier bis fünf solcher Zyklen auf. Der Tiefschlaf nimmt im Laufe der Nacht ab, der REM-Schlaf zu. Tiefschlaf findet sich also vor allem in den ersten Schlafzyklen; später überwiegt im NonREM-Schlaf das Schlafstadium 2. Die erste REM-Phase dauert hingegen meist nur wenige Minuten oder entfällt ganz; die folgenden Phasen werden länger, und die letzte REM-Phase vor dem Erwachen dauert meist mindestens 30, manchmal bis zu 60 Minuten.

Gelegentlich kommt es zum Aufwachen; der gesunde Schläfer schläft jedoch meist sofort weiter, ohne sich der kurzen Aufwachepisoden bewußt zu werden oder sich später daran zu erinnern. Vor allem am Ende einer REM-Phase, beim Übergang in den folgenden Schlafzyklus, ist ein kurzes Aufwachen auch bei jüngeren Schläfern nicht selten. Im höheren Lebensalter werden solche Aufwachereignisse häufiger. Bei älteren Menschen sinkt die Schlafeffizienz, d.h.  der prozentuale Anteil der geschlafenen Zeit an der gesamten im Bett verbrachten Zeit. Auch der Tiefschlafanteil ist bei älteren Menschen deutlich reduziert, während der Anteil flachen Schlafes zunimmt. Eine besondere Bedeutung bei verschiedenen Formen von Schlafstörungen hat die Zeitdauer bis zum ersten Auftreten von REM-Schlaf, die sogenannte REM-Latenz. Sie beträgt im Normalfall zwischen 50 und 100 Minuten; Abweichungen nach oben oder unten sind charakteristisch für verschiedene Störungsbilder, die in weiteren Folgen dieser Reihe besprochen werden. Ein weiteres wichtiges Maß für die Intensität des REM-Schlafes ist die REM-Dichte; sie ist proportional der Häufigkeit schneller Augenbewegungen im REM -Schlaf, bezogen auf die Zeiteinheit.

Ein solcher nächtlicher "Normalschlaf" stellt in vielerlei Hinsicht eine idealtypische Vereinfachung dar. Gesunder Schlaf ist durch ein hohes Maß an interindividueller, aber auch intraindividueller Variabilität gekennzeichnet. Einige wesentliche Varianten normalen Schlafes seien im folgenden kurz dargestellt.

Variationen "normalen" Schlafes

Variationen der Schlafdauer

Die spontane Schlafdauer der meisten Menschen liegt zwischen sieben und neun Stunden pro Nacht; Abb.3 beruht auf einer sehr großen Stichprobe aus der Normalbevölkerung und demonstriert, daß es bei nicht wenigen Personen auch deutlichere Abweichungen nach oben oder unten gibt.  Kurzschläfer kommen mit weniger Schlaf aus, im Extremfall benötigen sie nicht mehr als vier Stunden, ohne daß ihr Befinden beeinträchtigt oder ihre Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist. Untersuchungen im Schlaflabor haben ergeben, daß bei Kurzschläfern im wesentlichen REM -Schlaf und Schlafstadien 1 und 2 "eingespart" werden, während die Tiefschlafmenge weitgehend der bei "Normalschläfern" ähnelt. Langschläfer benötigen bis zu zehn oder elf Stunden pro Nacht. Sie haben oft viel REM-Schlaf. Diese Merkmale manifestieren sich meist schon in Kindheit und Jugend; sie lassen sich kaum durch Training beeinflussen, da sie wohl weitgehend genetisch vorgegeben sind. Im Gegensatz zu Patienten mit Insomnie oder Hypersomnie, wie sie in späteren Folgen dieser Reihe dargestellt werden, sind Kurz- oder Langschläfer eigentlich gesunde Individuen, in der aktuellen ICSD-2 Klassifikation der Schlafstörungen werden sie aber dennoch aufgelistet.

Die Schlafdauer verändert sich auch im Verlaufe der Entwicklung. Das Neugeborene hat einen Schlafbedarf von etwa 16 Stunden; im Laufe der Zeit nimmt dieser ab, bis beim jungen Erwachsenen die individuelle Schlafdauer erreicht ist. Diese verringert sich im höheren Lebensalter nur noch geringfügig.

  

  

Variationen des Schlaf-Wach-Rhythmus

Polyphasischer vs. monophasischer Schlaf

Der Schlaf des Neugeborenen ist, ähnlich dem mancher Tiere (z.B. Katzen), ziemlich gleichmäßig über Tag und Nacht verteilt. Es zeichnet sich dabei ein ungefährer 4-Stunden-Rhythmus ab; dieser wird vermutlich weniger durch nahrungsphysiologische Gegebenheiten als vielmehr durch eine "innere Uhr" erzeugt. Im Verlaufe der weiteren Entwicklung kommt es zur Ausbildung einer nächtlichen Hauptschlafperiode; eine zweite Nebenschlafperiode in der Mittagszeit wird in Mitteleuropa meist mit dem Erwachsenalter aufgegeben, jedoch gilt dies in anderen Regionen (z.B. Mittelmeerländer) nicht. Im Alter zeigt sich häufig eine Rückkehr zu einem polyphasischen Schlafmuster (Abb.4).  Neuere Untersuchungen haben gezeigt, daß auch jüngere Erwachsene unter Bedingungen absoluter Monotonie mehr Tagschlafepisoden zeigen (Zulley & Baller 1990). Es wäre sicher kurzschlüssig, aus diesen Befunden abzuleiten, daß es "naturwidrig" oder gar schädlich sei, den Schlaf auf lediglich eine kontinuierliche Phase in der Nacht zu beschränken; die Mehrzahl der Erwachsenen kommt mit diesem Muster, das mit den Bedingungen unserer modernen Arbeitswelt kompatibel ist, gut zurecht, ohne daß erkennbare Beeinträchtigungen oder gar Schäden auftreten. Aber offenbar gibt es einzelne Individuen, die einen Mittagsschlaf stärker brauchen als andere, ohne daß eine krankhafte Störung vorliegt.

Abendtypen und Morgentypen

Die bevorzugte Schlafzeit innerhalb der zirkadianen Periode ist ein im Verlauf des Lebens relativ konstantes, offenbar weitgehend biologisch determiniertes Charakteristikum jedes Menschen. Das Kontinuum reicht von den "Eulen" bis zu den "Lerchen", und jeder von uns wird sich irgendwo auf dieser Skala einordnen können. In unserer Gesellschaft werden solche Präferenzen in der Wahl der Schlafperiode häufig mit charakterlichen oder gar moralischen Kategorien in Verbindung gebracht; Frühaufsteher gelten oft als vorbildlich und leistungsfähig, wohingegen Nachtmenschen eher eine "schlechte Presse" haben. Psychologische Untersuchungen haben gezeigt, daß die Persönlichkeitsunterschiede zwischen beiden Gruppen keineswegs sehr ausgeprägt sind. Auch extreme Varianten von Abend- oder Morgentypen können noch im Rahmen des Normalen sein, wenn es ihnen gelingt, sich beruflich und privat entsprechende "Nischen" in der Gesellschaft zu sichern. Nur wenn dies nicht gelingt, kann eine ausgeprägte Verschiebung der Schlafphasenlage krankheitswertig werden und mit erheblichem Leidensdruck sowie sekundären Folgeerscheinungen (Medikamentenabusus, depressiven Verstimmungen) einhergehen. In diesen Fällen sprechen wir vom verzögerten oder vorverlagerten Schlafphasen-Syndrom.

Zur Funktion des REM-Schlafes und der Träume

Die erstmals von Aserinsky und Kleitrnan (1953) beschriebene enge Assoziation zwischen Träumen und REM-Schlaf wurde später etwas relativiert (Foulkes 1969). Träume sind nicht auf den REM-Schlaf beschränkt; auch in anderen Schlafstadien laufen kognitive Prozesse ab, die jedoch offenbar nicht den bildhaften und szenischen Charakter haben wie die REM-Träume. Untersuchungen mittels experimenteller Weckungen aus REM-Schlaf im Schlaflabor haben ergeben, daß man in den weitaus meisten REM-Phasen Traumberichte erheben kann. Dies ist auch bei solchen Individuen der Fall, die sich spontan nie oder nur extrem selten an Träume erinnern.Umstritten sind bis heute die Funktionen des REM-Schlafes und der Träume. Populärste Hypothese zur Funktion des Traumes ist weiterhin die auf Freud zurückgehende Annahme, daß diese Ausdruck unbewußter Impulse sind, als Wunscherfüllungen aufgefaßt werden können und somit eine psychohygienisch wichtige Funktion erfüllen (Freud 1900). Diese Annahme ist nicht unwidersprochen geblieben. Eine extreme Gegenposition wird von manchen Neurophysiologen eingenommen, die in Träumen "lediglich" Epiphänomene nächtlicher kognitiver Aktivitäten sehen, die im wesentlichen in der Löschung überflüssiger Gedächtnisinhalte bestehen; in diesem Lichte erscheinen Traumerinnerung oder gar Traumdeutung nicht nur als sinnlos, sondern als potentiell eher schädlich zu sein ("Never recall a dream"; Crick & Mitchison 1983). Unabhängig von dieser Kontroverse über die Bedeutung der Träume herrscht heute weitgehend Einigkeit darüber, daß in REM-Phasen Prozesse ablaufen, deren Korrelate kognitive Vorgänge sind die mit der Speicherung von Erinnerungen, Konsolidierung von Gedächtnisinhalten und Lernen zu tun haben.

Theorien zur Schlafregulation

Die ältesten Theorien zur Erklärung des Schlafes und des regelmäßigen Wechsels zwischen Schlafen und Wachen postulierten die Existenz eines endogenen "Schlafstoffes", der im Wachzustand gebildet wird und regelmäßig zu Ermüdung und Schlaf führt. Ein solcher Stoff konnte bisher noch nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden, doch diese "Hypnotoxin"-Hypothese steht weiterhin, in abgewandelter Form, im Mittelpunkt intensiver Forschungsbemühungen.Vieles deutet darauf hin, daß der Schlaf ein komplexer neurophysiologischer Zustand ist, an dessen Zustandekommen viele neuronale Zentren im Hirnstamm, im Thalamus, Hypothalamus und Cortex beteiligt sind; es gibt nicht "das" Schlafzentrum. Beteiligt an der Regulation sind vermutlich viele Neurotransmittersysteme, von denen bislang Serotonin, Noradrenalin und Acetylcholin am intensivsten erforscht wurden. Sehr gut empirisch belegt ist das Modell von Hobson und McCarley zur Regulation von NonREM- und REM-Schlaf (ausführliche Darstellung in Hobson 1990). Dieser Theorie zufolge überwiegt im NonREM-Schlaf die Aktivität aminerger Neuronengruppen in den dorsalen Raphekernen und im Locus coeruleus, während der REM-Schlaf durch eine hohe cholinerge Neuronenaktivität im gigantozellulären Feld der Brückenhaube gekennzeichnet ist. Im Verlaufe einer Nacht führt das Wechselspiel zwischen diesen beiden Transmittersystemen zum periodischen Wechsel zwischen NonREM- und REM-Schlaf.Ein ebenfalls empirisch gut belegtes Modell zur Erklärung des rhythmischen Ablaufs zwischen Schlafen und Wachen ist das sogenannte Zwei-Prozesse-Modell von Borbély. Es basiert im wesentlichen auf Frequenzanalysen des Schlaf -EEG und auf Schlafentzugsexperimenten. Der Ablauf von Schlafen und Wachen wird nach diesem Modell determiniert durch das Wechselspiel eines homöostatischen "Prozesses S" (dessen Korrelat beispielsweise eine "Schlafsubstanz" sein könnte) mit einem zirkadian verlaufenden "Prozeß C" (Borbély 1982).Trotz vielfältiger Forschungsbemühungen ist der Schlaf ein weithin unverstandenes Phänomen. Erstaunlicherweise fehlt es bislang auch an einer allgemein anerkannten Antwort auf die Frage nach der Funktion des Schlafes. Schlafentzugsexperimente haben bisher, entgegen den Erwartungen und im Unterschied zu Deprivationsexperimenten bei anderen körperlichen Funktionen, keine eindeutigen Resultate zur Lösung dieser auf den ersten Blick so trivial erscheinenden Frage erbracht.

Häufig gestellte Fragen zum Schlaf

Ist Schlafentzug schädlich?

Die Funktion des Schlafes ist bis heute weitgehend unklar geblieben. Zum Studium der Funktion eines biologischen Phänomens bedient man sich ja häufig eines Entzugsexperiments; aus den Folgen von Nahrungs- oder Flüssigkeitsentzug läßt sich gut die Funktion dieser beiden Vorgänge ablesen. In dieser Hinsicht haben die bisher durchgeführten Schlafentzugsexperimente wenig Erkenntnisgewinn gebracht (zusammenfassende Darstellung in Horne 1988). Schlafentzug über mehrere Nächte (der Rekord steht bei 12 Tagen) führt zu einer Reihe vegetativer und psychischer Symptome; die Probanden werden reizbar, mißtrauisch, sie können vorübergehend halluzinieren; vegetative Parameter wie Pulsfrequenz und Atmung werden labiler. Nach einem ausgiebigen "Erholungsschlaf" sind jedoch all diese Phänomene reversibel; bisher konnten beim Menschen keine dauerhaften Schäden durch solche prolongierten Schlafentzugsexperimente festgestellt werden.Diese Befunde aus zeitlich begrenzten Schlafentzugsexperimenten sind natürlich nur bedingt übertragbar auf die Frage, inwieweit chronischer Schlafmangel (wie etwa bei der chronischen Insomnie) schädliche Folgen hat; dieser Punkt ist bislang nur unzureichend erforscht. Doch zeigen die Ergebnisse aus den Experimenten, daß gesundheitliche Sorgen wegen der möglichen Folgeschäden gelegentlicher schlafloser oder schlafarmer Nächte vermutlich unbegründet sind.

Kann man verschlafen oder Schlaf nachholen?

Kann man auch zuviel schlafen?

Man kann nur sehr begrenzt "auf Vorrat" schlafen. In der Regel funktioniert dies schon deshalb nicht, weil das Vorschlafen mit einem gewissen Erwartungsdruck verbunden ist (frühes Zubettgehen wegen einer besonderen zu erbringenden Leistung am nächsten Tag), der das Einschlafen meist zuverlässig verhindert. Schlaf nachzuholen ist sehr viel einfacher. Dabei ist zu beachten, daß ein Schlafdefizit schon durch relativ wenig Zusatzschlaf kompensiert werden kann. Nach einer durchwachten Nacht beträgt die Schlafdauer des Erholungsschlafes ja keineswegs sechzehn Stunden, sondern allenfalls zehn oder elf Stunden. Der Schlaf ist in diesem Falle "intensiver". Dies ist ein weiterer Hinweis für die außerordentliche Flexibilität des Phänomens "Schlaf" und für die weiten Grenzen, innerhalb derer Schlafdauer und Verteilung von Schlafen und Wachen im Normalbereich schwanken können.Prolongierter Schlaf ohne vorhergehenden Schlafmangel fährt häufig zu einem unangenehmen lethargischen Zustand ("oversleeping"), der nicht selten mehrere Stunden persistiert (Horne 1988). Es empfiehlt sich daher, den Schlaf nicht zu sehr auszudehnen, zumal man - wie gesagt schlecht - "auf Vorrat" schlafen kann. 

Ist der Schlaf vor Mitternacht der gesundeste?

Unabhängig vom Zeitpunkt sind die ersten Stunden des Nachtschlafes am wichtigsten für die Erholungsfunktion. Ob dieser Teil des Schlafes vor Mitternacht stattfindet oder danach, ist im wesentlichen abhängig von der individuellen "Phasenläge". Ein ausgeprägter Abendtyp wird kaum in der Lage sein, vor Mitternacht einzuschlafen; er braucht sich deshalb keine Gedanken zu machen. Am ehesten noch trifft das Diktum vom "Schlaf vor Mitternacht" noch auf den Morgentyp zu: wenn dieser aus äußeren Umständen daran gehindert wird, zu "seiner" Zeit ins Bett zu gehen, kann der Rhythmus "aus dem Takt" geraten und ein zu spätes Einschlafen zu einem unruhigen, nicht erholsamen Schlaf für den Rest der Nacht führen, selbst wenn eine ausreichende Schlafdauer vorhanden ist. 

Sollte man einen Mittagsschlaf halten?

Hier läßt sich keine allgemeine Regel aufstellen. Viele Menschen sind an den Mittagsschlaf gewöhnt, andere können gut auf ihn verzichten. Es ist sicher nicht schädlich, niemals Mittagsschlaf zu halten; andererseits scheint die Verteilung des Schlafes auf mehr als nur eine kontinuierliche nächtliche Phase einer immanenten Tendenz des Organismus entgegenzukommen. Ein Mittagsschlaf kann die Leistungsfähigkeit am Nachmittag etwas steigern, vorausgesetzt, er ist nicht zu lang. Ein längerer Tagschlaf führt nicht selten zu anschließenden "Anlaufschwierigkeiten". 

Braucht man im Alter weniger Schlaf?

Bis vor kurzer Zeit war man der Ansicht, daß das Schlafbedürfnis des Menschen im höheren Lebensalter deutlich abnimmt. Mit diesem Argument hat man ältere Menschen beruhigt, die darüber klagten, schon sehr früh morgens wach zu werden und dann nichts mit sich anfangen zu können. Inzwischen ist diese Ansicht weitgehend relativiert; ältere Menschen halten häufiger Mittagsschlaf, und sie gehen tendenziell auch deutlich früher zu Bett. Auf diese Weise unterscheidet sich die Gesamtschlafdauer kaum von der von Menschen im mittleren Lebensalter, der Schlaf tendiert also zu einem polyphasischen Muster, wie es auch im Säuglings- und Kleinkindalter besteht.  

Haben Mondphasen einen Einfluß auf den Schlaf?

Diese häufig gestellt Frage ist bislang nicht ausreichend untersucht worden; es ist methodisch auch nicht ganz einfach, da es kaum möglich sein wird, eine Kontrollgruppe aufzustellen, die bezüglich der Mondphasen zuverlässig "blind" ist. Die Beeinträchtigung des Schlafes durch Vollmond wird von vielen Menschen regelmäßig erlebt; oft wird glaubhaft versichert, daß dies unabhängig ist vom Wissen und von den Lichtverhältnissen im Schlafraum. Prinzipiell scheint eine Beeinflussung des Schlafes durch Veränderungen etwa des Erdmagnetfeldes denkbar, doch fehlt es an zuverlässigen Erkenntnissen hierzu. Das gleiche gilt für die immer wieder diskutierten Zusammenhänge mit Wasseradern oder "Elektrosmog". 

Wie läuft eine Schlaflaboruntersuchung ab?

Schlaflaboratorien dienen einerseits der wissenschaftlichen Erforschung des Schlafes; zum anderen spielen sie eine wichtige Rolle bei der Diagnostik verschiedener (keineswegs aller) Störungen des Schlafes, wie sie in den weiteren Folgen dieser Reihe dargestellt werden. In Deutschland gibt es solche Laboratorien seit den sechziger Jahren, anfangs lediglich in einigen wenigen (Universitäts-) Kliniken. In den letzten Jahren hat es eine Fülle von Neugründungen gegeben. Die meisten davon haben sich jedoch auf die Diagnostik und Behandlung schlafbezogener Atemregulationsstörungen (z.B. Schlafapnoe-Syndrom) spezialisiert. Ein Kapazitätsengpaß besteht weiterhin bei solchen Schlaflaboratorien, die im Rahmen eines "Schlafmedizinischen Zentrums" die ganze Breite der Schlafmedizin (einschließlich Insomnien, Parasomnien und Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen) abdecken.Eine Regeluntersuchung im Schlaflabor umfaßt meist zwei Nächte; bei speziellen Fragestellungen (z.B. Diagnostik nächtlicher Verhaltensauffälligkeiten) kann sie auch weitere Nächte mit einschließen. Als Minimum werden die drei für die Schlafstadienklassifikation erforderlichen Parameter EEG, EOG und EMG sowie zusätzlich das Elektrokardiogramm (EKG) erfaßt. Die Probanden schlafen in einem eigenen, durch eine Infrarotlampe beleuchteten Raum und werden in der Regel von einem Nebenraum aus durch eine Infrarotkamera beobachtet. Im Beobachtungsraum ist die ganze Nacht eine Person anwesend, die die Aufzeichung durchführt und dem Probanden bei Bedarf zur Verfügung steht. Eine Unterbrechung der Aufzeichnung (z.B. für einen Gang zur Toilette) ist jederzeit ohne nennenswerten Aufwand möglich. Wenn es die Fragestellung erfordert, werden auch Tagschlafuntersuchungen durchgeführt. Dabei handelt es sich meist um den "Multiplen Schlaflatenz-Test" (MSLT). Die Probanden werden dabei alle zwei Stunden wieder ins Bett gelegt, mit der Aufforderung zu schlafen. Gemessen werden die Einschlaflatenz und, gegebenenfalls, die Latenz bis zum Auftreten einer REM-Phase (REM-Latenz).

Literaturangaben

Die mit * gekennzeichneten Werke eignen sich als einführende Lektüre in den Themenbereich.

  • Aserinsky E, Kleitman N (1953) Regularly occurring periods of eye motility and concomitant phenomena during sleep. Science 118:273 -274
  • Berger M (Hrsg)(1992) Handbuch des normalen und gestörten Schlafs. Springer, Berlin Heidelberg New York *
  • Borbély A (1982) A two process model of sleep regulation. Human Neurobiology 1: 195-204
  • Borbély A (1984) Das Geheimnis der Schlafs. Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt
  • Crick F, Mitchison G (1983) The function of dream sleep. Nature 304:111-114
  • Dreßing H, Riemann D (1994) Diagnostik und Therapie von Schlafstörungen. Fischer, Stuttgart Jena New York *
  • Foulkes 1) (1969) Die Psychologie des Schlafes. Fischer, Frankfurt am Main
  • Freud S (1900) Die Traumdeutung. GW Bd.2 Fischer, Frankfurt am Main (1972)
  • Hobson JA (1990) Der Schlaf. Gehirnaktivität im Ruhezustand. Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg *
  • Horne J (1988) Why we sleep. Tlie functions of sleep in humans and other mammals. Oxford University Press, Oxford *
  • Kripke DF, Simons RN, Garfield L, Haminond EC (1979) Short and long sleep and sleeping pills. Is increased mortality associated? Arch Gen Psychiat 36: 103 -116
  • Miles LE, Demeiit WC (1980) Sleep and aging. Sleep 2:119-120
  • Pollmächer T, Lauer C (1992) Physiologie von Schlaf und Schlafregulation. In: Berger M (Hrsg) (1992) Handbuch des normalen und gestörten Schlafs. Springer, Berlin Heidelberg New York
  • Zulley J, Bailer (1990) Polyphasic sleep/wake patterns and their significance to vigilance. In: Leonard JP (ed) Vigilance: Methods, Models and Regulation (pp 98-110). Martinus Nijhoff, Boston

Autor:

PD Dr. med. Dipl.-Psych. Michael H.Wiegand Psychiatrische Klinik und Poliklinik der Technischen Universität München Ismaninger Straße 22 81675 München Telefon 089 4140-4248 Telefax 089 4140-4245 E-mail: michael.wiegand@lrz.tum.de